Träumen – Tag 14/40 – 04.03.2021

Haben Sie sich schon einmal gewünscht, Gott so richtig die Meinung zu sagen? Ihm einmal alles das vor die Füße zu werfen was er in Ihrem Leben falsch gemacht hat? Wobei er nicht geholfen hat? Was wegen ihm und nur wegen ihm schief gelaufen ist?

„Nein, so was macht man doch nicht“, so schimpfte eine italienische Gemeindeschwester mit mir als wir in Bari einem alten Mann zuhörten, der in seinem Leben von einem Unglück ins andere geraten war, da war der Krieg, der Verlust von Freunden, schwere Erkrankungen, immer wieder Neuanfänge und schließlich saß er uns da traurig gegenüber, in seinem Rollstuhl… Ich sagte ihm: „Wenn ich Sie wäre, würde ich jetzt mit Gott schimpfen, der trägt zwar keine Verantwortung für Ihr Leid, aber er muss Ihren Schmerz aushalten.“ Er bedankte sich, wir verließen das Haus und dann gab es das Donnerwetter der Gemeindeschwester, ich hätte ihn ermutigen sollen, in seinem Glauben stark zu sein, den Sinn seiner Leiden zu suchen, dann würde er sich schon drein geben.

Damals vor 35 Jahren habe ich beschlossen niemandem zu sagen: Füge dich darein. Nein, jeder und jede muss ihren Weg finden mit dem eigenen Leben umzugehen, mit den Fragen, mit der Traurigkeit, mit dem Leid und sich bei allem gewiss sein, da ist einer, der ein offenes Ohr hat. So wie es die Beter der Psalmen ausgedrückt haben, sie konnten Gott ansprechen, ganz direkt, sie konnten klagen, sie konnten schimpfen, sie konnten fordern, ja einfordern, dass Gott sie auch in den schwierigsten Momenten ihres Lebens nicht allein lässt. Dass er auch dann noch da ist, wenn alle anderen gegangen sind.

Am darauffolgenden Sonntag nach dem Gespräch kam die Ehefrau des Mannes zu mir und erzählte mir: „Er hat zum ersten Mal ehrlich mit Gott gesprochen und sagt Ihnen Dank, das war ein ganz neuer Gott…“

Nein, das war der alte Gott, der mit sich kämpfen ließ, wie damals mit Jakob am Jabbok:

„Und Jakob stand auf in der Nacht und nahm seine beiden Frauen und die beiden Mägde und seine elf Söhne und zog durch die Furt des Jabbok. (…) Jakob aber blieb allein zurück. Da rang einer mit ihm, bis die Morgenröte anbrach. Und als er sah, dass er ihn nicht übermochte, rührte er an das Gelenk seiner Hüfte, und das Gelenk der Hüfte Jakobs wurde über dem Ringen mit ihm verrenkt. Und er sprach: Lass mich gehen, denn die Morgenröte bricht an. Aber Jakob antwortete: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn. Er sprach: Wie heißt du? Er antwortete: Jakob. Er sprach: Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel; denn du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und hast gewonnen. Und Jakob fragte ihn und sprach: Sage doch, wie heißt du? Er aber sprach: Warum fragst du, wie ich heiße? Und er segnete ihn daselbst. Und Jakob nannte die Stätte Pnuël: Denn ich habe Gott von Angesicht gesehen, und doch wurde mein Leben gerettet.“ Genesis 32, 23ff

Und dann war da ja noch was, man kann ihm auch manchmal einfach danken, dass er immer noch da ist und meine Stimme hört

Hören Sie „Adagio aus der 1. Orgelsonate“ von Felix Mendelssohn Bartholdy, gespielt von Marc Jaquet an der Orgel der Lutherkirche.

Ihre Pfarrerin Ulrike Veermann

Foto: Uwe Janser

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