Orgelneubau – Meilenstein der Musikgeschichte?

Orgelbauer Claudius MayWoehl im Gespräch mit Pfarrer Joachim Gerhardt zu dem geplanten beweglichen, leicht tragbaren Spieltisch, mit dem Maßstäbe gesetzt werden können. Wie der Weg aussieht, berichtet Ulrich Heide aus dem Vorstand des Orgelbauvereins.

„Die neue Orgel in der Lutherkirche kann ein Meilenstein der Musikgeschichte sein“ – Orgelbauer Claudius MayWoehl im Gespräch mit Pfarrer Joachim Gerhardt

 

Er und sein Team sollen unsere neue Orgel bauen. Ein Orgelbauer der jungen Generation: Claudius MayWoehl (29 Jahre): Hier gibt er erstmals einen persönlichen Einblick in dieses Projekt und erzählt, was ihn und seine weltweit renommierte Manufaktur mit Sitz in Marburg und einer langen Tradition des Orgelbaus besonders begeistert:

Was reizt Sie an dem Projekt in unserer Lutherkirche besonders?

 

Claudius MayWoehl: Die Orgel in der Lutherkirche wird einen Meilenstein setzen. Vor allem mit dem geplanten beweglichen und leicht tragbaren Spieltisch setzen wir echte Maßstäbe. Das hat uns und mich als Orgelbauer auch besonders gereizt an der Ausschreibung. Eine voll digital spielbare Klangskulptur, ein ganz neu entwickeltes Konzept, was Maßstäbe für Musiker und Zuhörer bieten wird. Wir gelten weltweit als führend für Orgeln mit mechanischen Trakturen, also der Verbindung zwischen Tasten und Pfeifen. Diese ausgeklügelten Nuancen für das Spielgefühl wollen wir natürlich auch hier anwenden und uns diesen Ruf für mechanisch abgekoppelte Spieltische erweitern.

 

Der Spieltisch ist der Ort an dem der Musiker seine Kunst ausübt – und ist damit ausschlaggebend, ob der Musiker mit seiner Kunst den Menschen erreicht. Die Taste ist mit eines der wenigen Mittel für den Musiker, sich und seine musikalische Welt auszudrücken. Und diese musikalische Welt ist es, die den Menschen berührt.

 

Sanieren oder Neubau: Was ist besser?

 

Claudius MayWoehl: Ich und die Menschen mit denen ich arbeite, lieben Orgeln und möchten auch keine alten Instrumente loswerden. Es ist ein stetiges Abwägen, ob das alte erhalten oder etwas Neues mehr bewegen kann. Qualität, Ergebnis und Erlebnis steht immer an erster Stelle – also, dass der Mensch von der Musik berührt werden kann. Jeder kennt den Klang von alten schlechten Lautsprechern, Handys oder so. So etwa ist es auch bei Orgeln. Manchmal ist ein neuer Klang besser und entspricht mehr der Musik und dem Anspruch von heute… Kompromisse gibt es für uns nur beim Geld und der Zeit, die wir in ein Instrument stecken – nicht bei dem Ergebnis – wenn es bedarf, wird dann eben noch mal ein Tag oder eine Woche drangehängt. Wir können es nicht vertreten, dass nur, weil wir auf die Uhr schauen, die Orgel potenziell nach 50 Jahren nicht mehr begeistert. Wir tragen ein UNESCO Weltkulturerbe in unseren Herzen. Und diese Liebe, die wir in unsere Instrumente stecken kann immer noch nach Jahrhunderten gespürt werden – soweit zumindest unsere Intension!

 

 

Was bringt eine neue Orgel mehr?

 

Sie können mit einer digital unterstützten Orgel unserer Zeit viel, viel mehr Klangfarben erzeugen und damit Menschen noch einmal ganz anders und tiefer berühren. Und der Kirchenmusiker kann wirklich zum Klingen bringen, was er kann. Es ist etwa wie der Vergleich einer Schalplatte und Spotify: Das eine hat wohl noch den alten Charme, doch das andere hat einfach 80 Millionen Lieder immer auf Abruf.
Ferner sind die Musiker mittlerweile deutlich überqualifiziert für die Instrumente von vor 50 Jahren. Es ist, wie einen Formal-1-Fahrer mit einem verbeulten Lieferwagen auf die Stecke zu schicken und zu erwarten, dass er das Rennen gewinnt …

Werden wir das wirklich alle so hören können?

 

Claudius MayWoehl: Ich verspreche Ihnen, Sie werden es hören und fühlen! Der Klang muss die Menschen berühren. Das ist das entscheidende Ziel jeder Orgel. Und je besser der Klang ist, umso mehr Emotion kommt rüber. In den ersten paar Minuten des Gottesdienstes sollte das Instrument mich aus dem schnellen, hektischen Leben in die Ruhe bringen, mich auf eine andere Ebene heben, mich in eine weitere Sphäre führen. Menschen in eine gute Schwingung bringen, da darf die Musik helfen. Mehr noch: Dafür ist die Musik essenziell! In jedem Gottesdienst, in jedem Konzert in jedem Moment.

 

Welche Bedeutung hat die Orgel für eine moderne Kirche?

 

Claudius MayWoehl: Die Orgel erlebt gerade eine Transformation. Die ersten Orgeln waren mechanische Windluftmaschinen. Dann kam vor 150 Jahren die Elektronik dazu und nun gibt es die digitalen Möglichkeiten: Du kannst nicht nur jeden Ton einzeln anspielen, sondern klangdynamisch miteinander verbinden, Töne kombinieren, ganz neue Klangmuster erzeugen. Genau das wollen wir gemeinsam mit Ihrer Gemeinde und Ihrem Kantor Marc Jaquet in der Lutherkirche umzusetzen. Mit der Entscheidung für ein von Grund auf neues Instrument mit gigantisch vielen Möglichkeiten durch das sehr freie Konzept und digitale Technologien können wir in der Lutherkirche ein kleines Stück Musikgeschichte schreiben. Weil die Lutherkirchengemeinde den Mut hatte, so grundsätzlich neu zu denken und dafür den finanziellen Rahmen in Aussicht zu stellen – inklusive tragbarem Spieltisch.

 

Was macht den neuen Spieltisch so besonders?

 

Claudius MayWoehl: Du kannst ihn nicht nur in der Kirche an verschiedenen Orten aufbauen, du kannst ihn auch aufteilen. Der Tisch besteht aus drei Manualen, also Klaviaturen, die an sich übereinander gestapelt sind. Wir bauen sie so, dass man sie trennen und separat nutzen kann. Dann können drei Leute gleichzeitig spielen. Das ist sehr, sehr cool!

Ist die Orgel ein Instrument für junge Leute?

 

Claudius MayWoehl: Absolut. Dieses Projekt ist zukunftsweisend gerade auch für junge Menschen. Hoch interessant für junge Musiker*innnen, für den Orgelnachwuchs, den wir ja dringend fördern wollen. Aber auch für junge Besucher*innen Ihrer Kirche. Man kann auf diesem Instrument theoretisch alle Musik spielen: von Bachs Orgelsuiten über elektronische Clubmusik, von Jazz bis Rock sowie Musik, die bis heute noch nicht einmal gedacht werden konnte, da das richtige Instrument erst jetzt dafür entstehen wird!

 

Gibt es typisch evangelische Orgeln?

 

Claudius MayWoehl: Die Zeiten, dass evangelische Orgelbauer für evangelische und katholische für katholische Kirchen bauten, ist vorbei. Mein Vater war da ein Vorreiter. Er baute nach dem Krieg seine erste Orgel in der katholischen Stadtkirche, Kugelkirche, in Marburg. Dieses Projekt ist aus meiner Sicht eine Art Ode an Europa und nach der Nazifizierung der Orgelkultur sehr wertvoll! Mein Vater nennt es ‘das Lateinische Instrument’ es ist eine Mischung aus der italienischen, spanischen und französischen Orgel, und auch Bach kann damit gespielt werden. Das war ein kühnes Projekt im Jahr 1971. Mein Vater hat damit den Anstoß zur Entnazifizierung der deutschen Orgelkultur gegeben.

 

Warum?

 

Claudius MayWoehl: In den 30er- und 40er-Jahren hatte sich ein Orgelbau durchgesetzt, der die sogenannten weiblichen, weichen Stimmen ausschloss. Eine Orgel sollte strahlend sein mit hartem, klaren, vorherrschend triumphalem Ton. Instrumente in diesem Stil wurden teilweise noch in den 90er Jahren gebaut und machen es sehr schwer, moderne Musik und auch Musik aus der Zeit vor den 30er Jahren zu spielen. Auch die alte Orgel in der Lutherkirche ist so konzipiert. Die neue Orgel wird Ihnen jetzt viel mehr Wärme, Zartheit und Einfühlsamkeit bringen – also die sogenannte Romantik zurück in Ihre Kirche. Meinem Vater, der ja die ersten Entwürfe für Sie mitgestaltet hat, ist bei diesem Projekt das Herz aufgegangen.

 

Wann kann die neue Orgel in der Lutherkirche stehen?

 

Claudius MayWoehl: Sobald Sie das „Go“ geben und die von der Landeskirche geforderte 2/3-Finanzierung zusammen haben. Wir sind in den Startlöchern. Es wird sich wahrscheinlich nicht vermeiden lassen, noch mal ein paar Dinge neu zu denken, da wir, je länger wir uns mit den neuen Möglichkeiten dieser neuen Klangmöglichkeiten auseinandersetzen, immer wieder auf neue Ideen kommen. Wenn wir jetzt beginnen, könnte sie in zwei Jahren stehen, vielleicht sogar noch schneller. Wir freuen uns so, diese Orgel mit Euch bauen zu dürfen und einen Schritt in der Musikgeschichte gemeinsam zu gestalten!

 

Ich möchte auch sehr herzlich dazu einladen jederzeit vorbei zu kommen, wenn wir das Instrument aufstellen dürfen! Was mich immer wieder begeistert ist das Schaffen und Entstehen mitzuerleben. Jeder Moment – die Ruhe und Konzentration bei der Arbeit. Wir freuen uns über jeden Menschen, der sich mit uns über diese tolle Berufung und den Prozess der Schöpfung freut.

 

Pfarrer Joachim Gerhardt

 

 

Erste wichtige Schritte sind getan! Wie wäre es mit einem großen Sprung?

 

Liebe Gemeinde,

seit über zwei Jahren erfahren Sie in jedem neuen Gemeindebrief über den Stand in Sachen Orgelbauprojekt der Lutherkirche, so auch heute.

Am Anfang soll und muss der Dank an die vielen Mitglieder der Gemeinde stehen, die bisher einen Beitrag für unser gemeinsames Projekt geleistet haben, sei es durch den Kauf des Orgelweins oder der CD, sei es durch eine Spende oder durch die Übernahme einer oder mehrerer Orgelpatenschaften. All dies hat – trotz der vielfältigen Einschränkungen in der Corona-Zeit gerade für persönliche Begegnungen – bereits zu einem Gesamtspendenaufkommen von fast 250.000 Euro geführt. Mitgerechnet sind hierbei 80.000 Euro aus einer Erbschaft, die das Presbyterium der Gemeinde für die neue Orgel zugesagt hat.

250.000 Euro sind fürwahr ein stolzer Betrag und zeigen, dass das Ziel einer neuen Orgel von der Gemeinde ernsthalt verfolgt und breit getragen wird.

250.000 Euro sind auf der anderen Seite aber weniger als 30 Prozent der benötigten Gesamtsumme. In der Gemeinde haben wir uns vorgenommen keine Kirchensteuermittel für den Orgelneubau einzusetzen. Diese sollen für die seelsorgerischen, sozialen und sonstigen Aufgaben vorbehalten bleiben. Gleichzeitig haben wir uns vorgenommen, erst dann den verbindlichen Auftrag für die Orgel zu erteilen, wenn zwei Drittel der benötigten Spenden eingegangen oder zugesagt sind.

Wir glauben, dass die verbindliche Auftragsvergabe an die Orgelbaufirma Woehl spätestens im nächsten Jahr erfolgen sollte. Nur so haben wir die Sicherheit, auch in einigen Jahren noch eine für den Gottesdienst nutzbare Orgel zu haben. Nur so haben wir die Sicherheit, die langjährige Tradition hervorragender Orgelkonzerte und weiterer Konzerte fortleben lassen zu können. Und nur so können wir sicherstellen, dass die aktuellen und kommende Kostenentwicklungen die neue Orgel nicht immer weiter in die Ferne rücken werden.

Wenn wir vor der Auftragsvergabe aber das (ambitionierte, aber auch sehr vernünftige) Ziel von zwei Drittels der benötigten Spendensumme erreichen wollen, brauchen wir mehr Tempo!

Alle bisherigen Bausteine (Konzerte, Orgelwein und insbesondere Pfeifenpatenschaften sowie jedwede Spende) sollen und müssen selbstverständlich bleiben. Sie werden weiterhin allen Mitgliedern der Gemeinde (und darüber hinaus) die Möglichkeit bieten, die neue Orgel mit sehr unterschiedlich hohen Beträgen zu unterstützen. Hier gilt natürlich: jeder Beitrag hilft und ist herzlich willkommen.

100 mal 4.000!

Fürs benötigte Tempo suchen wir nun aber zusätzlich hundert Unterstützerinnen und Unterstützer, die einmalig 4.000 Euro spenden und damit neben der Breite der Unterstützung quasi den Turbo fürs Orgelprojekt liefern. Diese Spenderinnen und Spender können selbstredend Mitglieder unserer Gemeinde sein. Aber natürlich sind auch alle herzlich eingeladen, die vielleicht gelegentlich ein Konzert in der Lutherkirche besucht haben und die wollen, dass diese lokale Qualität langfristig erhalten bleibt.

Wie sagte es doch vor einem Jahr der Bonner Generalintendant Bernhard Helmich: „Orgelmusik in der Kirche zu erleben, egal ob im Gottesdienst oder im Konzert, ist für mich immer wieder eine der außergewöhnlichsten und komplexesten Arten Musik zu genießen. Gleichzeitig ist es von jeher eine Musik für alle Menschen. Das macht es so faszinierend, und deshalb kann keine Orgel großartig genug sein!“ Genau in diesem Sinne soll die neue Orgel eine Bereicherung für ganz Poppelsdorf und die ganze Südstadt, ja für ganz Bonn sein. Eine Spende für die neue Orgel ist auch Ausdruck der Verbundenheit mit und des Stolzes auf unsere Stadtteile, eine hervorragende Gelegenheit auch für lokale Geschäftsleute und Unternehmer ihre lokale Bindung zu unterstreichen. Selbstverständlich werden all diese Spenderinnen und Spender mit einer Prospektpatenschaft geehrt, sichtbar in Lutherkirche, nicht nur bei den erwarteten wunderbaren Orgelkonzerten!

 

Ulrich Heide

Für den Vorstand des Orgelbauvereins

Weitere Informationen: https://www.orgelbauverein-lutherkirche-bonn.de/

 

(Foto Claudius Woehl: privat)

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