Offenheit – Tag 4/40 – 20.02.2021

Ein Erlebnis aus meiner Studienzeit hat mich die Welt noch einmal neu sehen gelernt.

Ich betreute einen älteren Herrn, gehbehindert und nach vielen Jahren des Wissens darum, dass es geschehen würde, erblindet. Um seinen Tag planen zu können, hatte er klare Vorgaben.

Eine davon war zu einer bestimmten Zeit zu Bett zu gehen. Wenn er lag, musste ich im Schlafzimmer die Holzjalousien schließen, durch den langen Flur ins Wohnzimmer gehen und auch dort die Läden schließen, an der Tür zum Flur angekommen, musste ich erst das Licht im Flur anmachen, um das Licht im Wohnzimmer ausmachen zu können, dann ging es durch den langen hellen Flur zur Haustür, ich machte sie auf, das Licht aus und kam in den noch hellen Hausflur.

Einmal habe ich das Licht im Flur vergessen und stand innerhalb von Sekunden völlig im Dunkeln. Eine solche Schwärze hatte ich noch nie erlebt, ich tastete mich zur Tür und floh in den Hausflur. Schnell war alles wieder gut, ich war wieder gut und in Sicherheit. Dieser eine Augenblick aber, der mir wie eine Ewigkeit schien, machte mir deutlich, was es heißen mag, nicht sehen zu dürfen. Am nächsten Morgen erklärte er mir, dass es nicht schwarz um ihn herum sei, alle seine inneren Bilder wären farbig, genauso bunt wie er sie erinnerte.

Seitdem aber versuche ich genauer hinzuschauen, jeden Moment des Lichtes wahrzunehmen, Eindrücke aufzunehmen und Erinnerungen zu gestalten. Nicht, weil ich noch immer Angst vor dieser Dunkelheit hätte, nein, nur weil sie mir erst deutlich gemacht hat, wie dankbar ich bin für jeden lebendigen Eindruck, für jeden Sternenschein oder Sonnenstrahl, weil ich neugierig bin auf alles, was ich über meine Sinne wahrnehmen kann.

Noch einmal ein Wort aus der Genesis:

„Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und Finsternis lag auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser. Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. Und Gott sah, dass das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis 5und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag.“ Genesis 1,1-4

Hören Sie „Fantasia 12“ von Georg Philipp Telemann, gespielt von Eric Nestler am Saxophon in der Lutherkirche.

Ihre Pfarrerin Ulrike Veermann

Foto: Bodensee (U. Janser)

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